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Laudatio für Fritz Pauer anlässlich der
Verleihung
des Staatspreises für improvisierte Musik 2008
Sehr geehrte Nichtpreisträgerinnen und Nichtpreisträger,
lieber Preisträger,
Der Hans Koller Preis wurde 1996 vom Porgy & Bess ins Leben
gerufen. In diesem Jahr ging der erste Preis, ein Lebenswerkpreis,
an den Urvater der österreichischen Jazz-Szene, an Hans Koller.
In den nächsten drei Jahren wurde
der Preis in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium in drei Kategorien
vergeben, bis er 2000 vor dem Aus stand. In einer Nacht- und Nebelaktion
hatten dann Ministerialrat Dr. Alfred Koll und ich ausgehandelt,
dass der Preis weiter bestehen und alle vier Jahre ein Lebenswerkpreis
vergeben wird, den im selben Jahr Joe Zawinul, Österreichs
einziger Jazz-Superstar, erhielt. 2004 wurde der Lebenswerkpreis
in einen Staatspreis für improvisierte Musik umgewandelt, der
an Michael Mantler, der zusammen mit Carla Bley den großorchestralen
Jazz revolutioniert hatte, ging. Der vierte Lebenswerkpreis bzw.
der zweite Staatspreis für improvisierte Musik geht 2008 folgerichtig
an den jüngsten der vier Großen, an den stillen
Charismatiker Fitz Pauer, Jazzpianist, Jazzkomponist und Jazzpädagoge
aus Berufung und Leidenschaft.
Bei unserer ersten Begegnung 1977 im Konservatorium Wien empfing
mich eine magische Ruhe, als ich Pauers Unterrichtszimmer betrat,
und deren Verursacher wirkte wie ein Meister aus einer
anderen Welt. In sich selbst ruhend, konnte sich Fritz ganz auf
seine Schüler einlassen und ihre individuellen Entwicklungen
beschleunigen. Niemals beharrte er darauf, dass man all das können
musste, was er auch konnte (also fast alles!), sei es, rasend schnelle
Bebop-Soli von Bud Powell nachzuspielen, sei es, ebenso präzise
zu transkribieren. Wobei jedes seiner Transkriptionen ein Kleinod
ist und es verdienen würde, publiziert zu werden. Doch was
passierte, bevor Fritz die junge österreichische Musiker- und
Pianistengeneration der 70er Jahre mit seiner großen Umsicht
förderte?
Fitz Pauer wurde am 14.10.1943, also noch während des Krieges,
in Wien geboren. Bereits im Alter von sechs Jahren wollte er unbedingt
Klavierunterricht um seine ältere Schwester zu ärgern.
Doch schon bald entdeckte er die Welt des Boogie-Woogie und kehrte
der klassischen Musik den Rücken. Da in den meisten Lokalen
irgendwo ein Klavier herumstand, entdeckte Fritz die Hinterzimmer-Sessions,
an denen er fortan rege teilnahm. Unberührt von dem konservativen
Wien, einer Mischung aus schlampigem, partiellen Post-faschismus
und klerikaler Intoleranz, und unbeeindruckt von der aufstrebenden
Jugendrevolte, deren Sprachrohr der Rockn Roll war. Wo Musik
drauf steht, muss Jazz drin sein. Seine persönliche Freiheit
fand er schon früh im Jazz und später wird er in einem
Interview behaupten: Ich bin generell zu dem Schluss gekommen,
daß es eigentlich weniger um Weiterentwicklung, sondern mehr
um Verfeinerung geht, von Dingen die es schon gibt.
So verdiente er sich seine ersten Sporen bei Fatty George und seine
erste Schallplattenaufnahme tätigte er in der Schweiz für
Oskar Klein. Begegnungen mit Friedrich Gulda und Joe Zawinul wirkten
horizonterweiternd. Dazu meinte Friedrich Gulda später: Mit
ihm zu arbeiten war für mich eine wegweisende Erfahrung und
ein Privileg. 1996 gewann er den ersten Preis beim International
Competition For Modern Jazz, einem von Friedrich Gulda ins Leben
gerufenen Wettbewerb, bei dem u.a. Bruno Kreisky in der Ehrenjury
war, und sich Fritz gegen Franco Ambrosetti, Jiggs Wigham und Miroslav
Vitous durchgesetzt hatte. Dieser Preis eröffnete dem jungen
Talent Tür und Tor. Doch das Angebot eines Stipendiums für
die renommierte Berklee School Of Music in Boston nahm er nicht
wahr, sondern er zog ganz im Gegensatz zu seinen Kollegen
Zawinul und Mantler, die beide sehr früh in die USA ausgewandert
waren lieber nach Berlin, bevorzugte also die Praxis vor
dem Studium. Dort wurde er sogleich als Hauspianist von Leo Wright
und Carmel Jones im Dugs Night Club und von Herb
Geller in der Jazzgalerie aufgenommen, bei der auch jede Menge Stars
wie Don Byas, Booker Erwin oder Ack van Rooyen auftraten. In Berlin
gab es zu dieser Zeit zwei Rundfunk Big Bands, jede Menge Jazzclubs,
eine amerikanische Soldatenbasis mit unersättlicher Lust auf
Entertainment sowie viele hängengebliebene amerikanische Jazzmusiker.
Und im Gegensatz zu allen anderen europäischen Städten
gab es in Berlin keine Sperrstunde. Dadurch entstand ein besonderes
Flair, das Billy Wilder in seiner Komödie Foreign Affairs auf
eindrückliche Art und Weise festgehalten hat.
Fritz erwarb sich bald den Ruf als einfühlsamer Begleiter,
der intuitiv erahnt, was der Solist gerade spielen wird und ihm
deshalb überall hin folgen kann. Und auf diesen Genuss wollte
kaum einer der hochkarätigen Solisten verzichten. Viele Sängerinnen
und Sänger werden später seine Dienste in Anspruch nehmen.
Etwa Sheila Jordan, Mark Murphy oder die junge hochbegabte Österreicherin
Simone Kopmayr. Und ganz nebenbei sog Fritz die Geschichte des Jazz
mit learning by doing auf und war bald auch ein Meister im Zitieren,
eine Besonderheit der Early Jazz Styles, bei der man gleichzeitig
sein Know-how und den Respekt vor dem Original zeigt.
Nach Pauers Rückkehr in ein Wien im Jahre 1968, wo am 1. Mai
statt einer nicht bewilligten Demonstration ein Blasmusikfestival
auf dem Rathausplatz stattfand, wurden Erich Kleinschuster, Art
Farmer, & Hans Koller Langzeitpartner. Mit letzterem unternahm
er im Duo gewiefte Ausflüge in die damalige Avantgarde (Sandra,
Continued Tracks) und mit Art Farmer, dem lyrischen Meister des
Flügelhorns, entstand eine langjährige musikalische Zusammenarbeit
im Quintett (Art Farmer Quintet, Live at Jazzland), die zu zahlreichen
Einladungen internationaler Festivals führte. In Erich Kleinschusters
Sextett und seiner ORF Big Band war Pauer bei allen Produktionen
dabei und zudem war er mit ihm für die Gründung des Jazz-Institutes
am Wiener Konservatorium zuständig, wobei ihn weitere pädagogische
Berufungen nach Bern als Leiter der Swiss Jazz School (1982 bis
1984) und später an die Kunstuniversität nach Graz führten.
Mit seinem Lieblings-Trio, bestehend aus dem Drummer Joe Nay und
dem Bassisten Hans Rettenbacher, begeisterte Fritz in den 70er Jahren
u.a. auch im Jazzfreddy in der Schottenfeldgasse, wo
ich des öfteren Zeuge entfesselter Spielfreude sein durfte.
Doch auch als Komponist machte er von sich reden. Songs wie Santana,
Cherockee Scetches oder Puzzles wurden von amerikanischen Größen
wie Tom Harrell oder Art Farmer ins Repertoire aufgenommen und eingespielt.
Etwas, das bisher nur Europäern wie Kurt Weill oder Michel
Legrand vorbehalten gewesen war. Zahlreiche Kompositionen für
Big Band, Streichquartette, zeitgenössische Klavierkompositionen
sowie Ballettmusiken runden das Bild von einem gereiften Einzelkämpfer
ab, der sich eines der schwierigsten Dinge vorgenommen hat, nämlich
als Jazzmusiker in allen Facetten zu leben u n d zu überleben.
In einem Milieu, in dem es im besten Falle bescheidene finanzielle
Mittel gibt, wo Angebot und Nachfrage im Verhältnis von hundert
zu eins stehen, zu Ungunsten der Musiker wohlgemerkt. Eine Musikrichtung
der Subkultur, zum Schattendasein verbannt, und nur wegen des grenzenlosen
Idealismus fast aller Beteiligten überlebend. Doch im Gegensatz
zu vielen seiner Musikerkollegen, hat sich sein Charakter dadurch
nicht ins Negative oder Verbitterte verändert. Im Gegenteil,
Fritz entwickelte sich zu einem uneitlen, unegoistischen, immer
hilfsbereiten Gentleman, der von allen geschätzt wird.
Aus Pauers umfangreichen Ouevre mit über fünfunddreißig
Tonträgern stechen die Trio-Aufnahmen Moods For Wonderland,
Modal Forces und New York Meeting heraus. Doch was genau unterscheidet
Fritz nun von seinen großen europäischen Kollegen wie
z.B. Gordon Beck, Joachim Kühn oder John Taylor? In seinem
sehr genauen, kontrollierten und meist sparsam-effizienten Spiel
sorgt Fritz permanent für Überraschungen, da er jederzeit
die gesamte Jazzklavierliteratur abrufen, Erwartungshaltungen brechen
kann, und damit immer unberechenbar bleibt. Ähnlich einer dadaistischen
Idee von Marcel Duchamps, die unter dem Namen Ready-Mades die bildende
Kunst verändert hatte. Das aber setzt in der Musik einen unglaublichen
Fundus an verinnerlichtem Wissen voraus, damit man all diese Bausteine
sofort in seine eigene, und damit glaubwürdige, wahrhaftige
Musik umsetzen kann.
Ganz im Sinne Gustav Mahlers: Tradition heißt nicht
weiterreichen von Asche, sondern weiterreichen von Feuer.
Danke, dass es Dich gibt, Fritz!
mathias rüegg, April 2009
P.S.: Der HKP steht zum zweiten Mal vor dem Aus!
Und die Preisgelder sind seit 1997 (!) nicht mehr valorisiert worden,
was einer Wertminderung von einem guten Drittel entspricht.
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