Berichterstattung NYC-Stipendium
von Martin Reiter
Ich möchte vielleicht zuallererst nochmals den Text vorlegen, den ich als Begründung mit der Anmeldung zum Wettbewerb für das New York Stipendium mitgeschickt habe, um aufzuzeigen, inwiefern sich meine Erwartungen erfüllt haben und wie weit ich meine Pläne umsetzten konnte:
Wien, Oktober 2002:
„Der Wunsch, eine Zeit lang nach New York zu gehen, in die Welt-Metropole für Jazz und alle Arten verwandter Musik, besteht bei mir schon sehr lange und wird mit der Zeit eigentlich immer stärker. Je weiter mich meine Ausbildung führt, je höher mein eigenes künstlerisches Niveau wird und jenes, welches ich von anderen Musikern erwarte, desto mehr spezialisieren sich auch die eigenen musikalischen Vorstellungen.
Es war mir in den letzten Jahren möglich, einige wenige meiner musikalischen Vorbilder auf Meisterkursen oder bei Konzerten zu treffen und mit Ihnen zu sprechen, teilweise auch Unterricht zu bekommen. Bei diesen Unterrichts-Stunden stellte sich für mich heraus, dass ein sehr hohes Niveau an künstlerischer Kompetenz, wie es in New York mit Sicherheit zu finden ist, für mich den Unterricht insofern sehr qualitativ machte, als dass Musiker mit ihren Erfahrungswerten einen viel besseren Überblick haben, was detaillierte Fragestellungen zu kompositorischen Problemen, harmonischem Material, Melodik , rhythmischem Konzept,... betrifft und Ihre Anregungen und Problemlösungen didaktisch sehr, sehr gut verpacken können.
Mit vielen dieser Pianisten bin ich nach wie vor in Kontakt und könnte z.B.: von Bill Charlap, Gary Dial, Peter Madsen oder Bruce Barth jederzeit Privat-unterricht bekommen, wenn ich nach New York komme . Auch andere Musiker oder Arrangeure würde ich wahnsinnig gerne treffen, wie z.B.: Maria Schneider, Branford Marsalis, Joey Calderazzo, Peter Martin , Makoto Ozone, etc. beziehungsweise hören. Meine bisherigen Erfahrungen bestätigen mich in der Annahme, dass das Hören von live-Musik und guten Konzerten enormen Einfluß auf die eigene Entwicklung und Motivation hat, die ganze Atmosphäre einer Stadt in der ein Großteil der Jazzgeschichte passiert ist und noch immer passiert muss überwältigend sein.
Außerdem habe ich durch Aufenthalte im europäischen Ausland und auch in Österreich einige Kontakte zu Musikern geknüpft, die teilweise in New York wohnen und mit denen ich dort zusammenarbeiten könnte (z.B.: Kevin Smith, Karoline Strassmayer, Klemens Marktl, Igor Lumpert, Jure Pukl,..) und bin natürlich auch daran interessiert, neue Musiker kennen zu lernen, die meine Ansichten und Vorlieben teilen.
Gescheitert ist es bis jetzt eigentlich primär am Finanziellen und dann natürlich am Zeitplan, welcher mir momentan einen mehrmonatigen Auslandsaufenthalt sehr gut erlauben würde.“
ABSCHLIESSENDER BERICHT:
Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich davon überrascht war, wie einfach sich die Dinge generell für mich in New York gestaltet haben:
Wohnen
Ein riesiger Vorteil war mit Sicherheit die Wohnsituation, für viele „Besucher“ in New York sicher ein heikles Thema, zumal man sich bei einer Aufenthaltsdauer von 4 Monaten nicht mehr wie ein Besucher fühlt, sondern schon mehr eine Art Alltagsleben führt.
Einen Großteil der 4 Monate konnte ich mir eine für dortige Verhältnisse kostengünstige Wohnung in Brooklyn mit einem anderen österreichischen Musiker teilen. Die Lage war sehr verkehrsgünstig (direkt am Q-Train), die Wohnung war möbliert und mit Internet/Telefon, sowie mit Kontrabass, Schlagzeug und einem elektrischen Pianino ausgestattet. Die Nachbarn waren schon daran gewöhnt, Musiker im Haus zu haben und Üben bzw. Jamsessions zu machen war problemlos möglich.
Kontakte
Andere Musiker kennen zu lernen war viel unkomplizierter, als ich es erwartet hätte, unabhängig von ihrem „Level“ oder Bekanntheitsgrad. Anfangs war ich viel auf Jamsessions, u.a. im Cleopatra´s Needle, Up Over, Smoke, Mama Cassie´s, Smalls und nach ein paar Wochen kannte ich genügend Musiker um Bands für private Jams in unserer Wohnung zusammenzustellen.
Dazu muss ich sagen, dass ich bei diesen privaten Sessions sehr inspirierende musikalische Momente erlebt habe und dass das regelmäßige Jammen in dieser Art für mich etwas Neues war. Sich nur aus Liebe zur Musik zu treffen und zusammen zu spielen, ohne Zweck, wie für einen Auftritt zu proben, etc. kannte ich aus Österreich nur von öffentlichen Sessions, bei der für mich die Liebe zur Musik nicht immer erkennbare Motivation war.
Zusammen mit meinem Wohnungskollegen Klemens gelang es uns, 3-4 mal in der Woche regelmäßig zu Hause zu spielen. Im Laufe der Zeit wurde mir dabei auch deutlich, wie sehr „Jazzmusik“ eigentlich eine Kunst ist, die man vielmehr durch „learning bei doing“ entwickeln kann, als durch das alleine Üben. Wie schnell man einen Standard lernen kann, wenn man versucht, die Akkordprogressionen zu „hören“ anstatt sie auswendig zu lernen, wie schnell man sich verbessert beim Spielen von Odd-meter Stücken, wenn man es einfach mit einer Band macht, wie viel man an musikalischen Ideen von anderen Musikern während des Spiels übernehmen kann, wie positiv sich die entspannte Atmosphäre (kein Publikum, kein Konkurrenzdruck) auf das eigene Spiel auswirkt,...
Mit Haru Takamichi, einem der Bassisten, die regelmäßig zu uns zum jammen gekommen sind, haben Klemens und ich auch in einem Studio in Brooklyn eine Cd aufgenommen. Eine Art Zeitdokument, zur Erinnerung daran, wie wir damals gespielt haben und wie sich unsere Kompositionen angehört haben. Eine Kopie der Aufnahme liegt dem Berricht bei.
Unterricht
Ebenso unkompliziert wie mit dem Kennenlernen anderer Musiker verhielt es sich mit dem Knüpfen von Kontakten zu berühmten Pianisten und Komponisten, um von Ihnen Privatunterricht zu bekommen. In den meisten Fällen genügte es, sie nach einem Konzert kurz anzusprechen, um gleich einen Termin für eine Stunde festlegen zu können.
Pech hatte ich nur mit Kenny Barron, Makoto Ozone, Mulgrew Miller und Edward Simon, die zu der Zeit, zu der ich sie fragte, einfach zu viel auf Tour waren, oder zu viel zu tun hatten, um Unterricht geben zu können.
Hier eine kurze Zusammenfassung der Themen, die ich mit meinen Privatlehrern behandelt habe:
BILL CHARLAP:
- Entdecken neuen Materials durch Zurückgehen in der Jazzgeschichte: z.B. welche Vorbilder könnte Kenny Barron gehabt haben, was könnte er gehört und an was könnte er gearbeitet haben, als er sich in intensiven Übephasen befand ?
- Entdecken neuen Materials durch Aufmerksam machen auf andere Instrumente: z.B: Charlie Parker
- Listening Tips: Bud Powell,... - Was genau ist die richtige Art, zu transkribieren und Musik so zu verinnerlichen
- Wie man sich beim Üben durch kleine Einschränkungen selbst herausfordern und testen kann: z.B: Über einen Standard in einem engen tonalen Bereich improvisieren, oder sich selbst rhythmisch einzuschränken, nur Achtel-Triolen zu spielen, etc.
BRUCE BARTH:
- Wie kann man vermeiden, sich wie seine Vorbilder anzuhören ? Wie kann man Ideen von jemand anderem übernehmen und verändern, sie zu etwas Eigenem machen ?
- Listening Tips: Keith Jarrett, Cannonball Adderly,...
- Wie man sich beim Üben eher auf Details konzentrieren soll und versuchen soll, kleine Elemente gut auszuüben
- Welche Rolle die „emotionelle Komponente“ beim Musikmachen spielt....
- Beim Komponieren: Wie eine kleine Idee schon genügen kann, um daraus ein ganzes Lied zu machen...
GARY DIAL:
- Konkrete Übungsanweisungen zu Hexatoniken, kreatives Umgehen mit dem Material und „Erfinden“ von eigenen Licks
- Übemethoden für „Giant Steps“
- Detaillierte Anweisungen zu „Inner Urge“, „Passion Dance“
JEAN MICHEL PILC:
- Wie man sich selber dazu bringen kann, „musikalisch etwas auszusagen“, in möglichst jeder Situation, auch mit reduzierten Mitteln
- Beobachten, wie sich das eigene Spiel verändert, wenn man selbst mitsingt, oder mitpfeift
- Wie man durch „Trockentraining“ mehr rhythmische Unabhängigkeit für linke und rechte Hand erreichen kann
- Wie man mit vorgegeben Material so frei wie möglich umgehen kann und trotzdem in der Form und den Vorgaben treu bleibt...
FRED HERSCH:
- Wie man die Zeit, die man zur Verfügung hat, um sich mit seinem Instrument zu beschäftigen, sinnvoll nutzen kann
- Solopiano: Wie wenig Töne es braucht, um ein Solostück gut klingen zu lassen
- Wie man beim Erlernen neuen Materials ins Detail gehen soll und unbedingt auch auf Kleinigkeiten achten soll
- Bei „Songs“ nicht auf die Lyrics und auf die Aussage zu vergessen
- Es gibt keine Wundermittel und keine Zauberei und keine „Rezepte“ beim Üben ( „was muß ich machen, dass ich das spielen kann ?...“)
- Wie man sich beim Üben reduzieren kann, um so besser zu sehen, wo die Schwächen genau liegen, z.B: über ein Akkordschema nur Viertelnoten zu spielen, die sich nur entweder in Halb- oder Ganztönen weiterbewegen, oder für eine halbe Stunde nur mit Chords und Voicings zu improvisieren
- Beim Komponieren auf die Grundaussage zu achten und der Melodie dienlich zu arrangieren, Unnötiges wegzulassen, den Mut haben, zu reduzieren
An dieser kurzen Zusammenfassung kann man sehen, wie sich die behandelten Themen von sehr spezifischen Anregungen zu sehr allgemeinen Fragen bewegen. Was mich sehr fasziniert hat, war, dass eigentlich nur ein einziger Lehrer ganz bestimmte Aufgaben, in der Art: „Üb´ dieses Lick !“ gegeben hat. Alle anderen haben das, was sie mir zu sagen hatten, so allgemein formuliert, dass ich es ohne Rücksicht auf Musikstil, bestimmten Groove, etc. verwerten kann, genau das, was ich eigentlich wollte !
Dazu möchte ich noch anmerken, welchen großen motivatorischen Nutzen es hat, wenn man, inspiriert durch einen Auftritt, direkt danach den Künstler persönlich treffen kann, um ihm Fragen zu stellen !
Gigs
Was ich mir ebenfalls nicht erwartet hätte, dass ich in New York öffentliche Auftritte haben würde, ist auch in Erfüllung gegangen.
Der erste Gig war mit Café Drechsler (Alex Deutsch, Oliver Steger, Uli Drechsler) im Nublu im East Village, vor einem begeisterten Publikum; der zweite Auftritt (mit Haru Takamichi und Klemens Marktl) die Eröffnung einer Jamsession im Cleopatra´s Needle, einem Jazzclub auf der 106. Straße in Manhattan; und der dritte ebenfalls im Needle mit dem Waldron Ricks Quintett (Waldron Ricks-tp., Steve Hall-sax...der frühere Saxophonist in Wallace Rooney´s Band, Amin Salim -bass....Bassist bei Terence Blanchard, Klemens Marktl- dr.)
Weitere Auftritte hätte ich mit zwei Vokalistinnen Sheila Brown und Sarah Lynch haben können, wenn ich nicht New York hätte am 16. Juni verlassen müssen.
Alltag, Üben, Komponieren
Was sich bei mir auch sehr, sehr positiv ausgewirkt hat, war, auf einmal soviel Zeit zu haben für die Musik. Ich weiß nicht, wie viele Kollegen von mir Ihren Zeitplan machen, aber ich kann nur wirklich in Ruhe üben, Musik hören und komponieren, wenn mich nicht allzu viele Termine belasten.
Zuvor in meinem Leben, hatte ich entweder als Musiker oder Student/Schüler immer soviel zu tun, dass ich für Musik nie wirklich die nötige Ruhe schaffen konnte. Wie sich bei mir ein plötzliches Übermaß an freier Zeit auf meine Produktivität ausgewirkt hat:
- ich habe schon lange nicht mehr 4-5 Cd´s pro Tag angehört, teilweise bewusst gehört und versucht zu analysieren
- ich habe drei neue Stücke komponiert und dabei genug Zeit gehabt, um so lange daran zu feilen, bis ich wirklich zufrieden war: „Ecrovid“, „Mauve“ und „Chez Saada“; zwei davon habe ich auch für Streichquartett arrangiert und eines davon für Big Band ( dieses Arrangement habe ich letzte Woche zu einem Arrangementwettbewerb des „Jazzorchestra Brussels“ eingeschickt). Ecrovid und Mauve sind auch auf der beigelegten Aufnahme zu hören.
- Ich konnte mir die Zeit nehmen, ohne auf die Uhr zu sehen, Solos „richtig“ zu transkribieren, ohne sie aufzuschreiben, einfach nur durch „Ton für Ton hören“
Konzerte
Ich habe auch meine Überzeugung, was die Rezeption von Musik betrifft, ein wenig geändert:
Ich bin davon überzeugt, dass man sich eine musikalische Vorstellung im Kopf schaffen muss, die nicht von irgendwo kommen kann, sondern davon, dass man nach musikalischen Erlebnissen sucht, die einen intellektuell oder emotionell bewegen. Was einem als Künstler als Aufgabe bleibt, ist meiner Meinung, danach zu streben die Diskrepanz zwischen der musikalischen Vorstellung und dem tatsächlichen Können oder Wissen, so gut wie möglich zu verkleinern oder zu überwinden. In meinem Fall sind diese Erlebnisse zu fast 100% das Hören von Musik, noch besser das Hören von live-Musik.
New York ist und bleibt einfach die aufregendste Stadt, in der sich Künstler aus allen Kulturen versammeln und miteinander unglaubliches schaffen. Eine kurze Auflistung einiger Musiker, die ich live auf der Bühne erleben konnte:
Conrad Herwig, Jimmy Greene, John Sullivan, Rez Abasi, Sam Yahel, Ari Hoenig, Eli Deligibri, Gregory Hutchinson, Anthony Wonsey, Eric Reed, Wycliff Gordon, Ryan Kisor, Johannes Weidenmüller, Victor Lewis, Eric Lewis, Ugonna Okegwo, Gary Bartz, Igor Lumpert, Rene Rosness, Steve Nelson, Steve Wilson, Brad Mehldau, Michael Brecker, John Patitucci, Billy Kilson, Dave Holland, Chris Potter, Buster Williams, Neil Minor, Rob Bargad, Robin Eubanks, Doug Weiss, Marcus Strickland, E.J. Strickland, Ahmad Jamal, Rick Margitza, Chris Cheek, Robert Glasper, Robert Hurst, Wynton Marsalis, Steve Coleman, Ralph Peterson, Jean Michel Pilc, Edward Simon, Adam Cruz, Eric McPherson, Makoto Ozone, Peter Washington, Cedar Walton, Chico Farril Latin Jazz Orchestra, James Genus, Bill Charlap, Kenny Washington, Adam Rodgers, Mark Turner, Aron Goldberg, Peter Bernstein, Kevin Hays, Christian McBride, Geoff Keezer, Jeff Tain Watts, Eric Revis, George Gruntz Big Band, John Scofield, Franko Ambrosetti, Matthieu Michel, Mark Taylor, Bill Stewart, Fred Hersch, Demion Reed, Orrin Evans, Clarence Penn, Bruce Barth, Martin Coleman, Myron Waldron, Jeremy Pelt, Rodney Green, Quincy Davis, Xavier Davis, New York Philharmonics, Wayne Escoffery, Steve Turre, Jacques Schwartzbart, Kurt Rosenwinkel, Drew Gress, Luciana Souza, Eddie Henderson, John Thomas, Dave Kikoski, Rick Germanson, Antonio Sanchez, Leni Stern, Joe Beck, James Brown, Teodross Avery, Larry Grenadier, Ethan Iverson, Ben Street, Barak Mori, Sasha Perry, Joe Farnsworth, Nasheet Waits, Mark Egan, ...