N.Y. SCHOLARSHIP 2003 pirker report


New York – Bericht von Herbert Pirker

Meinen New York Aufenthalt im Rahmen des New York-Stipendiums des Hanskollerpreises 2003 habe ich von 28.08.2004 – 29.10.2004 absolviert und hiermit darf ich ihnen von meinen Erlebnissen in dieser einmaligen Stadt berichten.

Ich möchte damit beginnen einige technische Daten meiner Reise aufzulisten:
4 Stunden Privatunterricht
54 Live-Konzerte
1x Empirestatebuilding
2x wöchentlich Jam-Session
1x Überfall
19 Jazzclubs besucht
1x den Broadway vom East-Village bis zum Central-Park hinauf spaziert
ca. 12 sehr lustige Stunden mit der NYPD 28 neue Tonträger erworben
0x Mc Donalds
1 000 000 000 Pizza-slices und „bodega“-sandwiches …

Ich hatte großes Glück durch Freunde (danke Sumi+Alex) ein (für N.Y.) günstiges Zimmer zu finden, das noch dazu einen Proberaum im Haus mit Schlagzeug beinhaltete.
Die Leute, die in diesem Haus in Harlem wohnen, gehören zur seltenen Gattung Menschen, die die wahrlich wunderschönen Klänge eines Schlagzeugs auch als solche empfinden und zu meiner absoluten Verwunderung kann ich die Nachbarschaft ebenfalls zu dieser seltenen Gattung zählen (spontane „keep going“ oder „don`t stop the beat“ Rufe von der Straße lügen nicht). Das sind für einen musikalischen New York Aufenthalt schon sehr „coole“ Rahmenbedingungen, denn ohne Übungsmöglichkeit in einer derart inspirierenden Umgebung zu sein, hätte mich durchaus in den Wahnsinn treiben können, und das ist auch schon einigen New Yorkern passiert, glaube ich. Womit wir auch schon beim Thema währen, denn neben dem Wahnsinn den diese Stadt frei Haus liefert habe ich mich natürlich voll auf die Musik gestürzt.Ich habe so gut wie jeden Abend live-bands verschiedenster Stilistiken gehört, Musiker wie zum Beispiel:

Roy Haynes, Uri Caine, Tim Berne, Jason Lindner, Reggie Washington, Bill Frisell, Joe Lovano, Paul Motion, Avishai Cohen, Ben Monder, Ari Hoenig, Don Byron, Billy Hart, Ben Riley, Clark Terry, Tony Malaby, Dave Holland, Dave Liebman, Wayne Krantz, Chris Potter, Bill Steward, Rashied Ali, the bad plus, Steve Swollow, John Scofield …
Das da einiges an beeindruckenden Konzerten dabei war, erübrigt sich wohl zu sagen.
Ich glaube es gibt für mich und sicher auch für die meisten anderen Musiker neben dem Musizieren mit anderen, nichts Wichtigeres als sich Live-Konzerte anzuhören. Das Angebot an Live-Musik verschiedenster Sparten ist wohl auf der ganzen Welt kaum Größer als in New York.

Privatstunden zu nehmen hat sich anfangs als schwieriger herausgestellt als ich dachte. Da ist der eine auf Tournee und der andere hat keine Zeit, und dann telefoniert man so Manchem wochenlang hinterher, und so weiter. Mit Matt Wilson habe ich dann aber doch einen wirklich fantastischen Lehrer gefunden, der mir sehr interessante Übungskonzepte zeigte. Speziell was das Hören des eigenen Instrumentes und der Band in der man spielt angeht, gab er mir sehr interessante Tipps, welche dann noch mit langen Gesprächen im Jazzclub vervollständigt wurden.

Ein weiterer wichtiger Teil meiner Reise war natürlich die Begegnung mit anderen Musikern. Anfangs auf öffentlichen Jam-Sessions, die sich allerdings eher als „show off“ herausgestellten. Wenn man dann nach einer viertel Stunde den fünften Solisten über einen Blues begleitet, überlegt man sich dann doch ob man nicht lieber Seeräuber oder Cowboy anstatt Jazz-Musiker geworden wäre, aber nach und nach habe ich dann mehrere interessante Musiker kennen gelernt und wurde zu so genannten „livingroom-jams“ eingeladen, welche musikalisch sehr interessant waren und aus denen super Freundschaften entstanden.

Neben dem Kontakt mit anderen Musikern hatte ich das Glück durch Jack Nesbitt, einen bildenden Künstler, der im selben Haus mit mir in Harlem wohnte und mit dem ich unzählige Stunden diskutierend im Cafe Bari am Broadway Ecke Bleeckerstreet gesessen bin, viele bildende Künstler der verschiedensten Strömungen kennen zu lernen.

Eine besonders interessante Begegnung war jene mit Byron Goto, einem 81 Jährigen chinesischen Einwanderer, der in den sechziger Jahren mit John Cage zusammen wohnte und Dauergast bei den Proben von Ornette Coleman war. Byron kann wirklich Geschichten erzählen, und, wie gesagt, er ist 81 und denkt schon wieder ans heiraten (ich glaub zum vierten mal), der Typ ist wirklich verdammt gut drauf für sein Alter, ich glaube das macht diese rastlose New York Energie.

Diese Stadt hat wirklich eine unglaubliche Energie und sie wird nicht umsonst die Stadt die nie schläft genannt. Egal ob 8.00 früh (obwohl ich diese Uhrzeit nicht allzu oft im Wachzustand erlebt habe), 12.00 mittags oder 2.00 nachts, es ist immer etwas los, das Leben pulsiert wirklich auf New Yorks Straßen, und das färbt auf einen ab. Nach einer Woche geht man auch schon um ein paar km/h schneller und man hat das Gefühl mitten drin und voll dabei zu sein, am Puls der Welt.
Diese Energie kann einen aber auch am falschen Fuß erwischen, sie kann einem viel zu viel werden, und dann verwandelt sich New York in eine Dampfwalze, die einen gnadenlos überfährt. In solchen Momenten hab ich mich einfach in die U-Bahn gesetzt und bin an den Strand (auch das gibt’s in New York) nach Cooney Island gefahren und bin so dem ganzen Trubel ausgewichen.

So, ich hoffe mit diesem Bericht meinen persönlichen Eindruck von New York einigermaßen unterhaltsam zu vermitteln. Bleibt mir nur noch mich zu bedanken, bei Sumi und Alex, bei Karin und Kevin, bei denen ich wohnen durfte, bei Eva-Maria für den Flug und natürlich beim AMO und bei Thomastik-Infeld die mir diesen fantastischen Trip in den Big Apple erst ermöglicht haben.

DANKE Herbert