N.Y. SCHOLARSHIP 2004 schiftner report


NYC-Bericht
von Wolfgang Schiftner

Am 3.5.2005 bin ich nach einer viel zu langen Nacht viel zu früh aufgestanden und zum Flughafen gefahren. Abflug: 7.30, an Bord: ein Saxophon, ein Schiftner……….. Kurz nachdem ich am Kennedy-Airport gelandet war wollte mich sogleich einer jener streng gekleideten Herren der Einwanderungsbehörde ausziehen weil ich ein Schinkensandwich aus dem Flugzeug entführt hatte. (Aber nicht mit mir….)Gott sei Dank konnte ich ihm aufgrund meiner Kenntnisse der englischen Sprache vermitteln, dass ich mit diesem Sandwich nicht halb Brooklyn in die Luft sprengen wollte und erreichte das Haus mit der Nummer 366 in der West 118th Street, Harlem vollkommen unbeschadet.
Ich wurde aufs Herzlichste empfangen. Im Haus wohnten neben Karin, der Hausbesitzerin und Jazzfreundin, noch zwei Gitarristen, Kevin und Bina, und Jack Nesbitt, ein bildender Künstler. Im Keller war ein Proberaum mit alter Hammondorgel, Gitarrenverstärker, Schlagzeug und Pianino. Jack und ich erkundeten noch am selben Abend die Umgebung. Zwei Blocks weiter fanden wir das noch immer erleuchtete Minton`s Playhouse-Schild und noch zwei Blocks weiter blieben wir dann in der Lennox Lounge.
Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg zur Subway um zum Columbus Circle zu fahren(allerdings erst nach einer kurzen Begegnung mit der NYPD, die in der Station nach Crackgeschäften Ausschau hielt) und von dort aus bis nach Little Italy den Broadway runterzuspazieren, wo ich dann von großem Hunger heimgesucht wurde um mich sofort in einem Mafia-Restaurant wiederzufinden. Der Chef des Restaurants, sitzend am Nebentisch mit in fünfminütigen Abständen wechselnden Kunden, schaffte es nicht mit Sätzen wie „You know, I`m only trying to help people!“ meine wachsende Unruhe zu besänftigen. Als er mich dann fragte warum ich die gebratenen Zuchinistreifen nicht aufesse, gab ich ihm mit der einen Hand zu verstehen, daß sie vorzüglich seien, mit der anderen Hand, fingerzeigend auf meine Magengrube, daß es für mich unmöglich wäre, einen solchen Haufen zu essen und verließ schleunigst das Lokal. Aus meinem Hintern schossen Flammen.
Am Abend war mein Adrenalinspiegel wieder auf Normalniveau gesunken und ich hörte mir zwei Sets des Uri-Caine-Trios(mit Ben Perowsky und James Genus: Wahnsinn)an. Die nächsten paar Tage fand ich soviel im Veranstaltungskalender, dass ich mir immer gleich zwei oder drei Sets in verschiedenen Venues am selben Abend anhörte. Am Anfang hab ich mir immer Cabs gerufen, weil ich mich nicht auskannte, aber das war teuer auf die Dauer, also bin ich dann nur noch mit der Subway von Set zu Set gefahren. Bis auf ein paar kleine Löcher machte ich das bis zum Tag meines Abflugs so. Kein Wunder bei dem Angebot. Ein paar Tage nach meiner Ankunft begann ein kleines einwöchiges Misha-Mengelberg Geburtstagsfest im Stone im East Village, wo Mengelberg sich jeden Tag verschiedene Gäste einlud, wie zum Beispiel: George Lewis, John Zorn, Brad Jones, usw…..
Auch hatte ich das Glück, daß Sonny Rollins während der Zeit ein Konzert auf Long Island spielte. Da sind wir dann zu viert hingefahren, ich war als alter Rollins-Fan natürlich beeindruckt: mit dem Alter ist der noch immer hochenergetisch unterwegs.
Ich war hin und wieder in den sehr bekannten Clubs wie dem Vanguard oder Blue Note, jedoch waren da die Preise auf die Dauer zu hoch, also bin ich dann öfter ins Tonic und ins Barbes (eine ganz kleine Bar in Brooklyn)gegangen. Im Barbes hörte ich zum ersten Mal Tony Malaby(übrigens mit Mario Pavone`s Band, die unlängst erst im Porgy&Bess waren), einen Tenorsaxophonist der mich mit seinem subtilen Spiel sehr beeindruckt hat und bei dem ich dann Unterricht genommen habe.
Während meines Aufenthalts fanden auch 2 große Festivals statt, das VisionX(William Parker Big Band, Oliver Lake,…..)und das JVC-Festival(Wayne Shorter Quartet, Keith Jarrett Trio,……). Das VisionX-Festival fand in einer alten Synagoge im East Village statt und dauerte drei Tage an, wobei ich mir einen Festival-Pass kaufte.
Man kann natürlich in dieser Stadt auch gute HipHop-Jams finden, mit Freestyle-Meistern an den Mikros, gute Reggae-Bands oder DJs. So konnte ich zum Beispiel den Mighty Aphrodite, die X-ecutioners und einige andere an den Decks bewundern.
Grundsätzlich gilt, daß man jegliche Art von Musik dort irgendwo finden kann, man muß sich nur auf die Suche begeben. Als alter Vinylsammler war ich von der Fülle und Qualität der Record Shops sehr beeindruckt. Da findet man ganze Kellerlokale vollgestopft mit alten Jazz-, Reggae- und HipHop-Klassikern. Ich verbrachte ganze Tage damit mir Platten anzuhören und musste am Ende meines Aufenthalts ein 100er Plattencase kaufen, um sie nach Hause zu transportieren. Manchmal, wenns mir zu viel wurde mit der ganzen Musik und dem Stress in Manhattan, bin ich mit der Subway nach Brooklyn, in den Prospect Park, nach Coney Island oder zu einem Freund nach Astoria, Queens gefahren, um ein bisschen zu entspannen. Wirkliche Ruhe ist in dieser Stadt jedoch nirgends zu finden.
Von den öffentlichen Sessions die ich besucht habe, war das meiste leider große Baustelle, außer die im Cafe Niagra. Die wurde von einem alten, bärtigen Saxophonisten, der mit Cecil Taylor und Arthur Blythe gespielt hatte, geleitet. Da waren immer sehr gute, junge Musiker mit Herz bei der Sache, großartig.
Es gibt allerdings in New York eine gute Privatsession-Kultur. Wenn man mit Leuten bei Konzerten oder auch auf der Strasse ins Gespräch kommt wird man relativ schnell zu jemandem nach Hause zum Geigen eingeladen. Überhaupt fällt es einem leicht Leute anzuquatschen, vor allem Musiker. Wahrscheinlich auch deswegen, weil alle andauernd ums finanzielle Überleben kämpfen, ergibt sich da eine gewisse Energie und Austauschfreude. Apropos finanziell: Ich habe in New York 5 Gigs gespielt und einmal 20 Dollar verdient. Bei geschätzten (aus einer Statistik) 10.000 Musikern alleine in Manhattan müssen ja irgendwie Dumpingpreise aufkommen, aber das Überleben wird durch diese Situation natürlich sehr hart. Die meisten gehen zum Geldverdienen entweder auf Tour oder spielen in Broadwayproduktionen. Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen.

Zum Abschluß möchte ich noch sagen, daß mein Aufenthalt in New York, und vor allem mein Aufenthalt in Harlem zu einem besseren Verstehen der Wurzeln des Jazz geführt hat und möchte mich für die Möglichkeit beim Komitee des HansKollerPreises und bei der Firma Thomastik-Infeld bedanken. W Weitere Musiker, die ich gehört habe: Wayne Shorter, JackDeJohnette, Paul Motian, Keith Jarrett, Wayne Krantz, Tim Berne, Craig Taborn, David Murray, Lou Donaldson, Jimmy Heath, Clark Terry, Ben Riley, Don Byron, Tom Rainey, Chris Wood, Steven Bernstein, Brigan Krauss, Larry Goldings, Greg Hutchinson, Ted Curson, Mark Helias, Peter Brötzmann, Ken Vandermark, Mats Gustaffson, Paal Nilsen-Love, Henry Grimes, Steve Coleman, Tony Scherr, Kenny Wollesen, Ben Monder, Jim Black, Hilmar Jensson, Andrew D`Angelo, Buster Williams, Chris Potter, Scott Colley, Bill Stewart, Masabumi Kikuchi, Jamaladeen Tacuma, Sam Rivers,…