N.Y. SCHOLARSHIP 2005 auer report

 

Berichterstattung NYC-Stipendium
von Christoph Pepe Auer

Der Tag der Abreise nach New York rückte immer näher. Noch nicht geklärt war, wo ich denn nun wohnen sollte. In letzter Minute ergab sich dank Herbert Pirker doch noch ein Wohnmöglichkeit, die sich als kompletter Volltreffer erweisen sollte.
Frisch angekommen in New York fand ich mich zwei Stunden später schon auf dem ersten Konzert mit meinem neuen Freund und Wohnungskollegen Nicholas: Drew Gress spielte im Center Of Improvised Music Brooklyn, Billy Hart und Ravi Coltrane saßen im Publikum, und so ergab sich die Gelegenheit beide persönlich kennen zu lernen. Anschließend zogen wir weiter in einen kubanischen Club, in dem Jeff "Tain" Watts mit einer Latin-Jazz-Band spielte. Die Stadt hatte ihre Energie auf mich übertragen. Und so ging es in diesem Tempo und in dieser Intensität die vollen 2 Monate durch: mit über 100 Konzert- und Festivalbesuchen, etlichen Sessions, Workshops, zwei Studio-Aufnahmen und viele Private-Lessons.
Mein normaler Tagesablauf sah so aus, dass ich vormittags im Prospect Park übte, nicht nur aber auch zur Freude der Passanten. Nachmittags fuhren Nicholas und ich zu unterschiedlichsten Musiker um Sessions zu spielen. Es war fast selbstverständlich, dass jeder Musiker seine eigenen Kompositionen mitbrachte, woraufhin auch ich gleich anfing zu komponieren. Unter dem ständigen musikalischen Input strömten die Ideen nur so heraus. Und wenn man die Möglichkeit hat, diese Ideen ständig mit sehr guten Musikern, die schon lange in NY leben und spielen und einen riesigen musikalischen Erfahrungsschatz haben, auszuprobieren und umzusetzen, macht das Ganze doppelt Spaß. Nach und nach kristallisierten sich für mich einige Musiker heraus, mit denen ich mein neues Material auch gleich aufnehmen wollte. Ein Studiotermin wurde gebucht, um mit Art Hirahara (Pianist, der fast alles vom Blatt lesen und anschließend mit dem Kompositionsmaterial hervorragend solieren kann), Nicholas Letman, (Bassist, auf dessen letzter CD u. a. Archie Shepp mitwirkte) und Ziv Ravitz (Schlagzeuger der letzten Lee Konitz-Tour) aufzunehmen. Diese Musiker waren während der Sessions und der Probenarbeit so aktiv, dass alle Arrangements gemeinsam gestaltet wurden und sich ein eigener Bandsound entwickeln konnte. Der CD-Titel "The New York Sessions" ergab sich dadurch wie von selbst. Und nachdem dieses Konzept musikalisch so ergiebig war, werde ich daraus eine CD-Serie mit Sessions in verschiedenen Städten machen.
Auf die Session-freien Nachmittage legte ich meine Private-Lessons mit u.a. David Binney, Tony Malaby, Steve Lehman (Langzeitstudent von Anthony Braxton) oder besuchte Workshops bei Jason Moran und Marcus Strickland, den ich regelmäßig besuchte und so konstruktiv arbeiten und "hängen" konnte. Den Tagesabschluss bildeten die Konzerte, meist gönnte ich mir 2 oder 3 Sets, was das Geldbörserl beträchtlich schrumpfen ließ. Dafür ergab sich nach einem Konzert von Branford Marsalis noch eine unerwartete Gelegenheit: Nach unerlaubtem Eindringen in den Backstage-Raum, wo Branford gerade eine Schülerin unterrichtete, artete die Stunde in einen Workshop aus, bei dem ich alle meine Fragen stellen konnte.
Und immer wieder traf ich interessante Leute, z.B. den größten Steve Lacy-Fan der Welt, einen UNO-Botschafter, der Lacy zu seinen Konzerten bis nach Tokio folgte. Selbst Saxophonist, spielt er nun das ihm von Lacys Familie überlassene Saxophon plus Original (abgelutschte!) Blätter. Oder einen bemerkenswerten Schlagzeuger, der nur von Kirchen-Gigs lebt. A propos Kirche: Ich fand eine Gospel-Kirche in Harlem, in der tatsächlich ein Priester mit James Brown-Stimme predigte. Wie alle anderen, überkam es auch mich, der seit seiner nicht mehr oft in der Kirche war, in der aufgeheizten Stimmung mehrmals laut "Amen" mitzusingen.
Froh bin ich vor allem das letzte Konzert von Dewey Redman gesehen zu haben, der leider zwei Tage später verstorben ist. Ein bemerkenswerter Musiker. Auch Sonny Rollins mit seinen 77 Jahren hörte ich auf einem Open-Air. Der beste Teil war, als er einen Solo-Pickup spielte und seinen Band einsetzte, er aber die Band sofort wieder abwinkte, weil sie tatsächlich falsch starten wollten. Er setzte mit einem 20-minütigem Solo alleine fort, in dem er so kreativ war, dass sich keine einzige Phrase wiederholte. Standing Ovations von tausenden Leuten!
Mein Aufenthalt in New York hat meinen musikalischen Horizont stark erweitert und mich dazu gebracht meine eigene Musik und Kultur mehr zu reflektieren. Standing Ovations also auch von mir - für die Jazzszene New York!