NYC-report
von Bernd Reiter
The New York Legends - Von Sonny Rollins bis Louis Hayes
Dank der Unterstützung des Austrian Music Office durch die Vergabe des NYC Stipendiums im Rahmen des Hans Koller Preises 2006 hatte ich die Möglichkeit, zweieinhalb Monate in New York City zu verbringen. Ab Mitte Juli begann sich in mir eine gewisse Nervosität aufzubauen, da der Abreisetag 2. August 2007 immer näher rückte, wohl auch eine Folge dessen, dass ich noch nie zuvor in den USA war. Ich hatte zwar alles organisiert, doch ein mulmiges Gefühl blieb trotzdem.
Ich hatte die Möglichkeit mit einem Freund, der bei der Lufthansa arbeitet, zu einem günstigen Preis in der Business Class von München nach New York zu fliegen, was schon ein großartiges Erlebnis war. Auch die über Craigslist für die ersten sieben Wochen gemietete Wohnung im East Village (10th Street at 1st Avenue) stellte sich als Glücksgriff heraus. Das Studio-Apartment war zentral gelegen, die Gegend sicher und sehr viele Clubs auch zu Fuß noch gut erreichbar. Das war für mich vor allem am Anfang ein großer Vorteil, da ich vor der Benutzung der U-Bahn während der Nacht einen gewissen Respekt hatte… zumindest in Manhattan aber eigentlich unbegründet, wie ich nach und nach bemerkte.
Der Hinflug endete am Newark International Airport, von dort ging es mit dem Zug zur New York Penn Station. Sofort nach dem Aussteigen realisierte ich, in einer völlig anderen Welt angekommen zu sein: jeder schien es unglaublich eilig zu haben, es wurde gedrängt und ich hatte natürlich keine Ahnung, welche U-Bahn ich zu nehmen hätte. In dieser riesigen Menschenansammlung war es auch unmöglich, dies so einfach herauszufinden, also nahm ich vorerst ein Taxi zum Apartment. Zudem war es in diesen Augusttagen auch unglaublich heiß, die Anreise verlief also relativ mühsam.
Dennoch ging ich bereits am ersten Abend ins Smalls um Jazz zu hören. Da es ein Freitag war, hatte Ralph Lalama seinen wöchentlichen Gig im Trio mit wechselnden Bassisten und dem Schlagzeuger Cliff Barbaro, den ich sofort kennen lernte und der ein guter Freund werden sollte. Cliff ist ein Urgestein in NYC, Ende sechzig und spielt mehrere Gigs am Tag, was wohl angesichts der vorherrschenden Gagen auch notwendig ist, wenn man irgendwie überleben will. Er gab mir einige Tipps, wo man hingehen sollte, nicht nur Jazzclubs auch andere nette „hang out“ Bars und nahm mich auch zu einigen Sessions mit.
Vom Smalls nahm ich mir das „Hot House“ Magazin mit nach Hause, nun hatte ich also einen Überblick über das Konzertgeschehen. Fortan nahm ich mir fest vor, möglichst viele meiner noch lebenden Idole zu sehen. Es ist ja kein großes Geheimnis, dass ich eine Vorliebe für Straight-Ahead Jazz habe, also wollte ich die Legenden des Be- und Hardbop unbedingt noch sehen. Schon vor meiner Abreise hatte ich Lewis Nash kontaktiert und er hatte mir gesagt, dass er ab 5. August mit Cedar Walton im Dizzy’s Club im Lincoln Center spielt, also war ich am 5. August bereits dort. Das Lincoln Center ist natürlich das Reich von Wynton Marsalis, also wie man sich vorstellen kann, ein sehr teurer Boden. Das Quartett mit Cedar Walton, Vincent Herring, David Williams und eben Lewis Nash war es aber in jedem Fall wert. Natürlich spielten sie größtenteils Tunes von Cedar Walton, also auch BOLIVIA!!!
In den nächsten Tagen hörte ich weitere Konzerte mit Musikern wie Charli Persip, nochmals Cedar Walton (diesmal im Quintett mit Steve Turre), James Moody (da war Roy Haynes im Publikum…) und das Vanguard Jazz Orchestra. Dort traf ich auch John Riley, den ich schon von mehreren Workshops in Europa kannte, gab ihm eine Master-Kopie meiner CD und machte das nächste Treffen aus. Mit John hatte ich in Folge mehrere Gespräche und Lessons. Meine CD hat ihm gefallen!
In diesen Tagen lernte ich auch, dass man die offiziellen Jam Sessions im Cleopatra’s Needle oder Fat Cat eher meiden sollte… häufig trifft man dort auf Musiker, deren musikalisches Können mit ihrem Geltungsdrang in keiner Weise mithalten kann…
Den ersten Höhepunkt meines New York-Aufenthaltes erlebte ich im Jazz Standard. Louis Hayes spielte anlässlich seines 70. Geburtstages mit seiner „Cannonball Legacy Band“ ein unglaubliches Konzert. Die hochkarätige Besetzung mit Jeremy Pelt, Julius Tolentino, Rick Germanson und Richie Goods spielte hervorragend, wurde aber vom Altmeister am Schlagzeug und dessen Energie in den Schatten gestellt. Der erste Tune des Abends war der Klassiker „Jeannine“ und Louis Hayes klang tatsächlich wie auf der Cannonball-Aufnahme in Paris im Jahre 1960. Er spielt einfach noch immer einen unglaublich swingenden Beat, ich war wirklich den Tränen nahe, Mr Hayes trieb seine Band vor sich her!
Ich hatte zu einem späteren Zeitpunkt nochmals das Glück Louis Hayes zu hören: im Sweet Rhythm spielte er in einem nur für diesen Abend zusammengestellten Quintett bestehend aus eher unbekannten Musikern, mit Ausnahme von Superstar Peter Washington am Bass. Diese Band hatte nicht geprobt, es wurden Standards auf der Bühne festgelegt. Louis Hayes spielte wieder mit sensationeller Energie, Peter Washington hatte sein Sakko nach drei Tunes komplett durchgeschwitzt. Im dritten Set stieg auch noch Cedar Walton ein, einfach ein unvergesslicher Abend!!!
In Folge besuchte ich die Montclair State University, da mein Freund Andy McKee dort unterrichtete und machte mir ein Bild, wie Workshops in den USA so ablaufen. Das Positive daran war, dass die oft noch sehr jungen Studenten sehr viel zum Spielen kamen und auch mit den Lehrern wie Steve Turre, Dave Stryker oder Billy Hart jammen durften. Leider wirkte das ganze eher ein bisschen unorganisiert, Unterrichtseinheiten fielen kurzfristig aus, aber das kennt man ja bei uns auch…
Ich besuchte noch im August weitere Konzerte des Vanguard Jazz Orchestra, sah das Scott Wendholt Quartet und war am Charlie Parker Festival im Tomkins Square Park, das war zwei Blocks von meiner Wohnung entfernt. Dort sah ich neben Abbey Lincoln auch die Band der Schlagzeuglegende Chico Hamilton. Es war wunderbar, ihn noch erleben zu dürfen!
Im Jazz Standard sah ich auch erstmals Jeff „Tain“ Watts. Er spielte mit seiner eigenen Band, die Kompositionen waren etwas schwer nachvollziehbar, aber er spielte natürlich sehr gut. Ich sah ihn noch häufiger in anderen Formationen, am besten gefiel er mir mit Craig Handy (ts) und dem Organisten Kyle Kohler.
Anfang September war auch gerade Rob Bargad in New York und spielte im Knickerbocker, natürlich musste ich da hin! Am nächsten Tag gingen wir zusammen ins Kitano, genossen Sushi und sahen das Helen Sung Quartet mit Steve Wilson, Richie Goods und Donald Edwards. Die spielten doch tatsächlich einen Montuno im 9/4-Takt… super Band!
Ab 5. September war auch mein Freund Thomas Toppler, ein klassischer Schlagzeuger, in NYC. Wir gingen ins Smoke, ich hörte erstmals Jerry Weldon… sein Stil gefiel mir sofort. Jerry’s Vorbild ist Dexter Gordon, das hört man einfach nach zwei gespielten Noten. Dann spielte er auch noch „Fried Bananas“… an diesem Abend kann mir alles sehr bekannt vor… Roman und Jerry müssen irgendwie verwandt sein!
Ein wunderbares Konzert erlebte ich dann auch im Kitano: Eddie Gomez Trio mit Mark Kramer und Billy Drummond. Eddie Gomez ist ein super Bassist und noch dazu ein richtiger Gentleman: höflich, elegant gekleidet… wir haben uns lange unterhalten. Das Konzert war sehr modern und von Bill Evans geprägt, eigentlich klar, wenn man die Karriere von Eddie Gomez kennt. Das alles im Kitano zu erleben war aufgrund der Atmosphäre dort sehr angenehm, zudem ist der Manager Gino Moratti, ein gebürtiger Italiener, sehr nett. Oder wie Eddie Gomez sagte: „I love it here. You feel like playing in your own living room!“
Im Smalls sah ich dann auch noch Melvin Rhyne mit Frank Wess und Jimmy Cobb, doch nun steuerte schon alles auf den Höhepunkt meines New York Aufenthaltes zu. Der 18. September 2007, der Höhepunkt des Jazzjahrzehnts in New York, wie die New York Times schrieb. „Sonny Rollins 50th Anniversary Concert at Carnegie Hall“. Sonny spielte 1957 zum ersten Mal in der Carnegie Hall, ich hatte also unglaubliches Glück genau 50 Jahre später in New York zu sein. Für diesen Abend gab es das „Sonny Rollins Special Trio“ mit Christian McBride und Roy Haynes. Sie spielten „Sonnymoon for Two“, „Some Enchanted Evening“ und „Mack the Knife“, die gleichen Tunes, die Rollins auch bei seinem Debüt 1957 spielte. Es war schon unglaublich, wer alles zu diesem Konzert kam, ich wunderte mich, wer an diesem Abend die ganzen Gigs in NYC spielte…
Allein von den Tenoristen sah ich beim Eingang Ralph Lalama, Jerry Weldon und auch Joe Lovano, dazu Piano-Altmeister Georges Cables, viele sehr betagte Herren aus Harlem und im Konzert saß Lewis Nash eine Reihe vor mir. Die Stimmung in der Carnegie Hall war einfach sensationell: Sonny spielte die erste Phrase von „Sonnymoon for Two“ und es gab schon Standing Ovations, ständig jubelte irgendjemand, das waren 45 Minuten Gänsehaut!!! Im zweiten Set spielte Rollins mit seiner aktuellen „Working-Band“, auch sehr gut, aber das Trio war mir natürlich viel lieber. Alles in allem jedenfalls ein Erlebnis, das ich in meinem ganzen Leben nicht mehr vergessen werde!!!
Bereits am nächsten Tag hatte ich die Möglichkeit, Joe Lovano im Birdland live zu erleben. Er spielte ein „Coltrane revisited“ Konzert… Lonnie’s Lament, 26-2, Theme for Ernie, Moment’s Notice… phantastisch!
Danach folgten einige kleinere Konzerte und Sessions und schließlich wieder ein Höhepunkt: Renee Rosnes All-Star Quartet im Dizzy’s mit Chris Potter, Peter Washington und Lewis Nash. Straight-Ahead vom Feinsten! Am übernächsten Tag gab es auch die lange erwartete Lesson von Lewis Nash… das war auch Schwerarbeit! Er hat vor zwei Jahren mit dem Unterrichten aufgehört, da er ständig spielt und auf Tour oder im Studio ist… na ja, nach langem Hin und Her hat es doch noch geklappt!
Im Kitano sah ich noch das Don Friedman Quartet mit Peter Bernstein an der Gitarre. Don Friedman ist ein super Pianist und sehr freundlich. Ich habe mich lange mit ihm unterhalten, Roman hat ja 1979 mit ihm eine CD aufgenommen. Das Konzert war großartig, Standards und Originals von Don Friedman, er ist auch ein wunderbarer Komponist. Und noch ein Satz von Don, der sich für alle Zeit in meinem Kopf eingebrannt hat: „Normally you can’t play the same tunes all the time, but in general I do that. Sometimes I bring in one or two new things but I don’t vary a lot. I do it that way because you sound best on the things you know best!“
Danach gab es wieder einige kleinere Konzerte, einmal gut, dann wieder weniger und schließlich die „George Wein Newport Allstars“ mit Randy Brecker, Lew Tabackin, Howard Alden, Peter und Kenny Washington. Super Band!
Für die letzten drei Wochen musste ich in eine andere Wohnung umziehen, ich lebte gemeinsam mit einer amerikanischen Therapeutin. Das Zimmer war wiederum im East Village (4th Street at 2nd Avenue) in schöner Lage.
Anfang Oktober war es dann endlich soweit: Gabor Bolla kam an, wir hatten noch zwei wunderbare gemeinsame Wochen. Wir gingen vermehrt auf Sessions, wir wollten einfach ein bisschen zusammen spielen. Gabor brachte viele der Saxophonisten in NYC zur Verzweiflung, wer spielt schon „Giant Steps“ im Tempo 400? Wir hatten viel Spass, wurden zu mehreren Privat-Sessions eingeladen und sind richtig gute Freunde geworden.
Wir besuchten auch die „New School University“ und spielten im Ensemble von Andy McKee mit und gingen zu weiteren Sessions. Im Sweet Rhythm lernten wir den Super-Bassisten John Benitez kennen, der sogar Grammy-Gewinner ist… Kontakt haben wir uns besorgt, eine Trio-Tour in Europa ist für die Zukunft zumindest einmal angedacht…
Zum Abschluss sah ich noch Konzerte mit den Schlagzeugern Ben Riley und Carl Allen.
Neben all diesen musikalischen Erlebnissen habe ich auch viele andere Facetten der Stadt New York kennen gelernt. Es ist eine Metropole, in der es neben allen großartigen Sehenswürdigkeiten, Museen, Universitäten, Restaurants und Clubs auch große soziale Probleme gibt. Es gibt sehr viele „Homeless“, das merkt man vor allem, wenn man nachts nach Hause geht. Neben den Superreichen gibt es im Gegensatz dazu auch unglaublich arme Menschen, die durch Betteln, Dosensammeln oder dergleichen irgendwie überleben. Dieses Nebeneinander von arm und reich ist charakteristisch für die Stadt. An der 5th Avenue, wo die teuersten Geschäfte sind, schlafen nachts viele auf der Strasse und in Mülltonnen. Das schlimmste für mich war, dass das von den meisten New Yorkern gar nicht mehr gesehen wird, sie sagen, sie haben sich daran gewöhnt. Ich konnte das die ganzen zweieinhalb Monate nicht, mir ging es immer sehr nahe, vor allem, weil man diesen Menschen einfach nicht helfen kann.
Trotz dieses Wermutstropfens war der Aufenthalt in NYC ein großartiges Erlebnis für mich, dass mich sowohl musikalisch als auch menschlich ein gutes Stück nach vorne brachte. Natürlich gibt es nicht mehr so viel Straight-Ahead Jazz wie vor 50 Jahren (zumindest sagen das viele der alten Musiker, ich war ja nicht dabei…), trotzdem war es toll, meine Idole, die ich größtenteils nur von den Aufnahmen kannte, in NYC in der intimen Atmosphäre der Jazzclubs spielen zu hören und zu sehen. Das herausragenden Erlebnis in der Carnegie Hall werde ich mit Sicherheit niemals vergessen. Der 77-jährige Sonny Rollins zeigte noch einmal den unglaublichen Spirit seiner Generation. Dieser Magie konnte sich niemand im Konzertsaal entziehen!
Am 15. Oktober, ausgerechnet dem Geburtstag von Gabor (schade eigentlich, wir hätten gerne gefeiert…) ging es für mich vom John F. Kennedy Airport zurück nach München. Mit vielen Erlebnissen und Eindrücken im Gepäck sehe ich meiner Zukunft als Jazzmusiker entgegen und freue mich auf anstehende Konzerte und Aufgaben!
Nochmals bedanken möchte ich mich beim Austrian Music Office, Mathias Rüegg und Eva Salfellner, all meinen Lehrern und Freunden und allen voran meinen Eltern. Sie alle zusammen haben mir zweieinhalb unvergessliche Monate in der aufregendsten und verrücktesten Stadt der Welt ermöglicht. Vielen, vielen Dank!!!